09 December 2010

Good old days?

Arielle - den Anstecker habe ich letztens per Zufall wiedergefunden. Gekauft hat ihn mir meine Mutter vor Jahren im Disneyland Paris... Das waren noch Zeiten.
Und damit wären wir auch beim Thema: Letztens habe ich mich mit meiner Freundin unterhalten und sie meinte, dass sie gern wieder ein Kind wäre. Dass sie sich gern zurück in die Zeiten katapultieren möchte, in denen sie keine Sorgen hatte. Wo es nur um Spiel, Spaß & Freude ging. Keine Verantwortung, kein Druck - einfach nur das Leben genießen wie es kommt.
Zeit im Kindergarten verbringen, mit Kuscheltieren spielen, nicht in die Schule zu müssen - kein Liebeskummer und stattdessen Süßigkeiten, Geburtstagspartys und Seelenfrieden.

Das brachte mich zum Nachdenken... Möchte ich denn wieder gern ein Kind sein? Zurück in der Zeit gehen? Eigentlich erscheint das Ganze sehr verführerisch...

Doch nach einigen Minuten kam ich zu dem Entschluss, dass ich nicht zurückmöchte. Weil meine Kindheit... recht beschissen war.
Mein derzeitiges Leben ist weit davon entfernt perfekt zu sein - ich stöhne über zu viel Arbeit, die Uni und meine Einsamkeit. Aber das alles ist definitiv besser als diese Ohnmacht und Schutzlosigkeit, die ich als Kind erfahren durfte. Keine Sorge, ich wurde als Kind weder misshandelt noch schlecht behandelt, doch es gab einige Ereignisse, die tiefe Wunder gerissen haben.
Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 2 Jahre alt war. Danach wuchs ich bei meiner Großmutter auf - meine Mutter ging ihrer neugewonnenen Freiheit nach und ich sah sie höchstens 2 Mal im Monat. Doch das war alles gar nicht so schlimm, ich habe es ja nicht verstanden... Ich nahm mein Leben wie es kam. Und das Leben meinte es nicht gut mit mir.

Meine Großmutter erkannte nämlich, dass ich begabt war. Ich konnte bereits mit 2 Jahren lesen und lernte sehr schnell das Schreiben; ich lernte die Märchen der Gebrüder Grimm auswendig und verfasste bereits mit 4 meine ersten Gedichte. Diese machten nicht viel Sinn, aber es waren die ersten Versuche in Richtung... ja, in welche Richtung eigentlich?

Zur Erklärung: Ich kam in Usbekistan (ehemalige Sowjetunion) zur Welt. Meine Urgroßeltern waren Vertriebene aus Deutschland, doch das Spechen der deutschen Sprache war ihnen verboten worden. Daher war meine Muttersprache russisch.
Dort gibt es auch keine Einteilung der Schulen, d.h. keine Grund-, Real-, Gesamt- und Hauptschulen. Ich kam auf ein Gymnasium, das von der 1 bis zur 10 Klasse dauerte.

Meine Großmutter war mit dem Schulleiter befreundet und so fand ich mich an meinem Einschulungstag im Büro des Direktors wieder. Meine Oma bat um eine Art Intelligenztest.

Solange die Ergebnisse des Tests nicht vorlagen, musste ich ganz normal in die erste Klasse gehen. Da ich mich nicht so dumm angestellt habe, wurde ich augenblicklich Klassenbeste - was mir den unglaublichen Hass meiner Mitschüler einbrachte. Ich war isoliert und kam jeden Tag weinend nachhause.

Dann lagen die Ergebnisse vor - Hochbegabung. Ich wurde augenblicklich in die dritte Klasse versetzt.
Wo mir zuvor Hass und Neid entgegenkamen, sah ich mich jetzt mit grenzenloser Bewunderung meiner neuen, älteren Mitschüler konfrontiert. Ich fand augenblicklich Anschluss an den Unterrichtsstoff und wurde wieder Klassenbeste.
Was aber wiederum seltsam war: Ich konnte keine Freundschaften schließen. Ich wurde zwar als etwas Besonderes gesehen, aber meine Mitschüler waren viel erwachsener und weiter entwickelter als ich. Ich konnte vielleicht besser rechnen und gut schreiben, aber innendrin war ich noch ein Kind.

Zwei Jahre vergingen und meine Mutter trumpfte mit der Idee auf, dass wir nach Deutschland gehen sollten. Dort wäre es schließlich wie im Paradies - keine Korruption, bessere Bildungschancen... Und gute Arbeit!

Ein Tag nach meinem 9 Geburtstag war es dann so weit - wir ließen alles zurück und flogen in das Land meiner Vorfahren. Ich konnte nicht einmal ein einziges Wort deutsch und niemand wusste was uns erwartete.

Wie heißt es so schön? Hochbegabt und tief gesunken. Hier wollte niemand etwas von meiner Begabung wissen, weder die Lehrer noch die Schule. Die Tatsache, dass ich nach einem halben Jahr perfektes und akzentfreies Deutsch sprechen konnte, überzeugte niemanden. Dass ich selbst hier Klassenbeste war? Pff, wie gewöhnlich.

Und ab da ging's bergab. Auch hier in Deutschland konnte ich jahrelang keine Freunde finden, war isoliert. Wurde als Ausländer beschimpft und gedemütigt... Ich schwänzte mit 10 Jahren die Grundschule (ich lebte zu der Zeit in der Nähe von Berlin) und meine Noten rauschten in den Keller, ich hatte einfach keine Motivation mehr für die Schule.

Insgesamt sei gesagt, dass meine Kindheit nur aus Lernen, Isolation und hasserfüllten/neidischen Blicken der Anderen bestand. Und das Schlimmste war, dass ich mir diesen Hass zu Herzen nahm. Nicht ignorieren konnte, sondern nur weinen musste. Das war keine zuckerwatterosa Zeit...

Und in diese Zeit möchte ich auf keinen Fall zurück. Ich bin so froh, dass ich endlich Freunde gefunden habe und mehr schlecht als recht mein Leben leben kann.

Wünscht ihr euch manchmal in euere Kindheit zurück?

6 comments:

  1. nein ich wünsche mir meine kindheit nicht zurück.
    ich mein die jahre von 0-8 war gut aber dann gings bei mir leider bergab...

    und so tief will ich nie wieder sinken.

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  2. Hmm zurück in die Kindheit? Ja manchmal schon, denn so schlecht war meine Kindheit. Und ich habe einige Menschen verloren, die ich gerne wiedersehen möchte.
    Ich habe Gott sei dank nicht so schlechte Erfahrungen machen müssen wie du. Ich glaube hätte ich sowas durchstehen müssen, würde ich auch nicht zurückwollen.
    Aber ich freue mich zu lesen, dass du nun Freunde in deinem Leben hast, dann halte sie dir fest, denn Freunde können einem manchmal sehr das Leben versüßen!

    LG cloudy

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  3. Zurück in die Kindheit? Eher nicht, ich mag mein jetziges Alter und habe meine Kindheit genossen, aber wenn ich heute sehe, was es für komisches Spielzeug gibt und das z. B. in meiner Heimat die Kinderchöre und Freizeitgruppen aussterben, wäre heute meine Kindheit echt öde.

    Liebe Grüße und einen schönen Abend wünsche ich dir!
    Hana

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  4. Du sprichst mir jedem deiner Worte aus meinem Herzen. Du klingst wie ich.
    Mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht erwachsen bin.

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  5. Mann, du hattest ja eine Kindheit, die man zu einem Film bauen könnte.

    Ich will auch nicht zurück in die Kindheit. Auch wenn ich es nicht ganz so arg wie du hatte, erinnern mich einige deiner Sachen auch an meine Kindheit:

    Das Anders sein, auch wenn ich nicht so hochbegabt bin wie du, sondern eher hyperkreativ, HSP, und in einigem viel schneller als die anderen...

    In anderem dafür Unterdurchschnitt... aber nur in wenigem und weil es mir vermist wurde, denke ich.

    Jedenfalls wurde ich auch gehänselt bis zum gehtnichtmehr, wechselte die Schuledeswegen und natürlich war es dort genauso.

    Daraus resultierten schlechte Zensuren und die Drohung mit der Sonderschule.

    Ach ja, mich interessierte als Kind Malerei, Paläontologie und noch solche Sachen, die meine Umwelt eigenartig fand und ich dachte mr im Unterricht andere Schriften und Wörter aus... das mochten die Lehrer gaaar nicht :D

    Schön, dass du jetzt Freunde hast.

    Eins würde mich interessieren: wie geht es dir heute mit deiner Hochbegabung? Versteckst du sie eher oder hast du auch Freunde, mit denen du dich auf diesem Level austauschen kannst?

    Ich nehme einfach mal an, dass du für einige eher ungewöhnliche Fähigkeiten hast, ich meine dich in vielem einen anderen Horizont hast, eben das, was es dir als Kind so schwer gemacht hat.

    Mir geht es momentan so, dass mir solche Leute sehr fehlen.

    Ich wünsche dir, dass du sie hast!
    Ach: erwachsen werden braucht man nicht unbedingt, jedenfalls das, was offiziell darunter verstanden wird. So gesehen braucht man nicht zurück in die Kindheit... man bleibt drin. *gg*

    Liebe Grüße,
    Moni

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  6. @Moni: Liebe Moni, vielen lieben Dank für deinen langen Kommentar. Es tut mir leid, dass du auch in deiner Kindheit isoliert warst... So etwas ist furchtbar & niemandem zu wünschen.

    Zu deiner Frage: Von meiner Hochbegabung ist nicht wirklich viel übriggeblieben ^^ Hauptsächlich deswegen, weil ich nicht gefördert wurde - und das hätte ich am dringendsten gebraucht(danke an die deutschen Behörden an dieser Stelle); ich dufte einfach die Erfahrung machen, dass sich Deutschland um jeden Hauptschulabbrecher kümmert, aber Hochbegabte nur auf die Förderung ihrer Eltern angewiesen sind. Und meine Mutter konnte sich finaziell keine ausreichende Förderung leisten. Ich habe mir zwar mal selbst das Klavierspielen beigebracht - oder besser gesagt: Keybordspielen ;) - aber das ist auch das einzig Besondere.

    Der Kernpunkt des kläglichen Restes namens "ehemalige Hochbegabung" liegt bei mir wohl in der Literatur bzw. im Schreiben allgemein. Ich schreibe sehr gerne (seit ich klein bin) und habe schon unzählige Wettbewerbe gewonnen. Mir wurde schon oft gesagt, dass ich einen wunderbaren Schreibstil habe und wirklich an der Grenze von Hoffnung und Verzweiflung schreibe. Leider hagelte es von den Verlagen bisher nur Absagen, aber ich gebe nicht auf ;)

    Und ja, ich sehe die Welt anders als meine Mitmenschen. Ich habe mir schon als Kind Gedanken über Demokratie und Globalisierung gemacht oder mir Hitlers Kriegspläne reingezogen. So etwas macht man nun mal, wenn die Nachbarskinder einen nicht beim Spielen dabei haben wollen und einem langweilig ist ;)
    Ich muss aber zugeben, dass ich bis heute fast gar keine Menschen gefunden habe, die mit mir "auf einem Level sind". Bitte verstehe mich nicht falsch, ich sehe mich nicht als etwas Besonderes, das würde ich nie tun; aber meine guten Freunde wissen gar nichts von meiner Vergangenheit und meiner Begabung (nur meine beste Freundin hat es vor kurzem durch Zufall erfahren, als sie meinen Blog gelesen hat)... Es ist mir nie wichtig erschienen, ihnen davon zu erzählen.

    Ich bin eigentlich mit ganz normalen Menschen befreundet ;) Ich kriege von ihnen aber öfters gesagt, dass ich nicht normal und absolut gaga in der Birne bin *lach* Wie du siehst, hänge ich die Begabung nicht an die große Glocke, sie ist mittlerweile irrelevant geworden. Ich bin für meine Freunde einfach nur ein normaler Wensch, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

    Aber natürlich fehlt mir der intelektuelle Reiz, der einem nur ein Mensch auf "Augenhöhe" bieten kann... Letztens habe ich mit einer interessanten Frau über Gott und die Welt unterhalten und du meine Güte, ich habe mich selbst nicht erkannt! Ich war so aufgeregt, weil wir über die komplexen Themen sprachen, über die ich mir seit Jahren Gedanken mache! Ich habe mich lebendig gefühlt... Leider war die Dame mindestens doppelt so alt wie ich... Ich habe die Hoffnung aufgegeben, jemanden in meinem Alter zu finden.

    Puh, hoffentlich kannst du jetzt damit etwas anfangen. Ich bin eine recht seltsame Persönlichkeit und vieles wird für dich keinen Sinn machen... Aber zusammengefasst lässt sich sagen: Ich will den Literaturnobelpreis.

    *lach*

    Alles Liebe,
    Liana

    PS: Wenn du Lust hast - mail mir doch einfacher. Da können wir uns etwas privater unterhalten:
    psychopath@fahr-zur-hoelle.org

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