05 October 2012

Die technische Abhängigkeit.

Ich weiß zwar nicht, wie das passieren konnte, aber auch die seltsamsten Zufälle können zu einer Erleuchtung führen - und angefangen hat das Ganze damit, dass sich mein Computer einen Trojaner eingefangen hatte.
Auf einmal ging gar nichts mehr: Browser ließen sich nicht öffnen, dazu erschienen ständig nervige Popups eines angeblichen Antivirusprogramms und forderten mich auf, ihre 100$ teure Software zu kaufen. Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Freund riet mir dazu, den Computer auszuschalten und bis zum Abend abzuwarten, dann würde er sich darum kümmern können.
Und so hatte ich keinen Zugriff mehr auf meinen PC. Theoretisch nicht weiter tragisch, wäre ich - wie ich in den folgenden Computer-freien Stunden feststellte - nicht so derart abhängig von diesem Gerät. Auf einmal konnte ich ihn nicht jederzeit hochfahren, um meine Emails, den Kontostand oder ebay aufzurufen. Plötzlich konnte ich nicht mehr stundenlang sinnlos im Web rumsurfen, keine Blogs mehr lesen oder Dokumentationen auf youtube schauen. Es war auf einmal so still im Haus, kein Brummen der Festplatte, kein Tippgeräusch auf der Tastatur... Und ich fühlte mich seltsam leer, musste mir eine andere Beschäftigung suchen und ertappte mich dabei, wie ich es mir wünschte, endlich wieder meinen Computer und das Internet benutzen zu können. (Falls ihr euch fragt warum ich faule Sau zuhause bin & nichts tue - ich habe Semesterferien :3)
Es ist erschreckend, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, dieses Gerät jederzeit zu meiner Verfügung zu haben. Die Kombination Computer und Internet ist für mich unersetzlich geworden. Und wenn ich auf diese Kombination nicht zurückgreifen kann, fühlt sich irgendetwas falsch an... Ich weiß mich nicht mehr abzulenken, weiß mich nicht mehr anders zu beschäftigen. Natürlich klingt das alles auf den ersten Moment sehr krass und auch lächerlich - schließlich sollte man sein Leben leben und es nicht von der Technik abhängig machen -, aber irgendetwas versichert mir, dass ich nicht alleine mit diesem Problem dastehe.

Noch schlimmer empfinde ich jedoch die Abhängigkeit von meinem Smartphone. Als ich es ganz frisch bekommen habe, war es am allerschlimmsten: Alle paar Minuten kam eine Nachricht per Whatsapp rein, ständig blinkte die neue Anzahl der reingekommenen Mails auf und man konnte das gute Stück kaum aus der Hand legen. In Vorlesungen, in denen ich eigentlich aufpassen musste, war ich sehr schnell abgelenkt und habe lieber Nachrichten beantwortet und Angry Birds gespielt als auf mein Skript zu starren.
Das erste Ritual am Morgen war für mich immer sofort das Handy in die Hand zu nehmen, alle möglichen Apps aufzurufen, ja sogar auf 9gag zu surfen - was für eine absolute Zeitverschwendung! Wenn ich mich heute daran erinnere, wird mir schlecht. In jeder freien Minute musste ich nachgucken, ob auf welt.de irgendwelche neuen weltbewegende Ereignisse aufgelistet wurden und ob es auf das Buch, das ich unbedingt lesen wollte, ein paar Prozent Rabatt bei amazon gab. Ich war wie ferngesteuert, absolut fasziniert von dem Smartphone in meiner Hand und wollte nicht mehr ohne.
Heute ist Whatsapp deinstalliert, über Nacht das Handy ausgeschaltet. Spieleapps habe ich gelöscht und ich versuche mein Galaxy SII nur noch zum Telefonieren und SMS-Schreiben zu benutzen. Obwohl ich eine Internetflat habe, nehme ich sie kaum in Anspruch und überlege, sie zu kündigen. Es hat sich zunächst sehr seltsam angefühlt, sich von einem lieb gewonnenen Gerät so zu distanzieren, aber mittlerweile fühlt es sich gut an. Sehr gut sogar.

In einem Fernsehbericht ging es darum, dass Langeweile unsere Kreativität fördert. Zum Beispiel sollte man kleine Kinder nicht immer beschäftigen, sondern ihnen Zeit zum Langweilen geben - das fördert das Gehirn. Heutzutage sind wir derart von der Technik um uns herum abhängig, dass wir unser Gehirn kaum stimulieren - immer wenn wir uns langweilen, greifen wir zum Smartphone und surfen sinnlos im Internet herum. Wenn wir etwas ausrechnen müssen, nehmen wir dazu nicht mehr unser Gehirn, sondern greifen zum Taschenrechner auf dem Computer. Wir greifen nicht mehr zur Karte, um zum Beispiel das gewünschte Restaurant darauf zu finden, sondern lassen uns dorthin navigieren. Die Technik, die uns dadurch das Leben erleichtert, nimmt uns aber auch stimulierende Impulse, die unser Gehirn braucht, um fit und kreativ zu bleiben.

Fazit: Mein Computer bleibt für den Rest des heutigen Tages ausgeschaltet. Es würde mir auch gut tun, das Gleiche mit meinem Smartphone zu machen, aber so weit bin ich noch nicht. Aber ich versuche mich langsam wieder in die reale Welt zu begeben und die Technik nicht mehr überhand nehmen zu lassen.
Ich erinnere mich noch an meine Teenagerzeit, als ein Computer (Smartphones gab es in dieser Form noch nicht) - zumindest für meine Familie - absolut unbezahlbarer Luxus war. Ich kann gar nicht mehr fassen, wie viele Bücher ich zu der Zeit verschlungen, wie viele Bilder ich gemalt und wie viele Gedichte ich verfasst habe. Ich war eine sprudelnde Quelle voller Inspiration, heute gleiche ich eher einem schwarzen Loch voller Langeweile. Aber ich will wieder zu dem Zustand zurück, ich will wieder kreativ sein, ich will wieder schreiben, malen und lesen.



4 comments:

  1. weißt du was schlimm ist? ich erkenne mich in dem text wieder. ich versperre mich aber bisher gegen ein smartphone.

    ich habs bei mir gemerkt als der tv kaputt war, obwohl ich eig nicht so viel gucke. das internet was langweilig, der tv kaputt - wer besusselt mich denn jetzt?

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  2. Den gleichen Trojaner hatte ich auch vor 1 1/2 Monaten (glaube ich zumindest, denn das mit dem gefakten Virusprogramm und den geblockten Anwendungen kommt mir bekannt vor..).

    Jedenfalls ging es mir erschreckenderweise auch erst wie dir - plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich mit mir anfangen sollte. Hat sich dann aber sehr schnell gegeben und ich habe mir andere kreative Beschäftigungen gesucht.
    Ein Smartphone habe ich zum Glück gar nicht, ich will nicht so abhängig sein von der Technik und der Virus hat mir wieder vor Augen geführt, wie schnell das geht. (Trotzdem war das alles ziemlich kacke, weil ich das ganze System neu aufsetzen musste -.-)

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  3. Ein sehr guter Beitrag, der schon etwas nachdenklich macht...
    Ich verbringe auch einen Großteil meienr Freizeit am Rechner, ich komme nach Hause, hab oft noch nicht mal die Jacke aus, da fährt der Rechner schon hoch...Internet, Blogs lesen, E-Mails, WoW zocken, irgendwas findet sich immer...

    Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, mich erstmal auf die Couch zu packen und etwas zu lesen...
    Ich finde es sehr schade, dass sich mit dem PC die Hobbys so eingeschränkt haben, ich habe früher auch viel mehr gemacht!

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  4. Ich hatte genau das Problem auch einmal, mit 14-16 ungefähr! Bevor ich überhaupt aufgestanden bin, hab ich im Bett den Laptop gestartet und losgesurft. Es ist wirklich unangenehm, den ganzen Tag am PC Zeit zu verschwenden und am Abend draufzukommen, dass man eigentlich gar nichts gemacht hat. Obwohl oder gerade weil ich Informatikerin bin, halte ich es sehr gut ein paar Tage vollkommen ohne Internetanschluss aus - der PC ist für mich hauptsächlich zum (interessanten!) Arbeitsplatz geworden. :)

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